Unsere Versuche zur Dechiffrierung des
hebräischen Alphabets
Waren Sie auch so fasziniert, als Sie die Geschichte
von der Entzifferung der Hieroglyphen durch Champollion anhand des
Steines von Rosette lasen ? Solche Schriftzeugnisse enthalten einen Text in zwei
oder mehr Sprachen und werden zur Entzifferung genutzt. Zweisprachige Texte heißen dann Bilinguen.
So etwas können wir auch bei uns finden, nämlich auf
jüdischen Friedhöfen. Auf den Grabsteinen dieser Friedhöfe sind oft Texte in
hebräischer und in lateinischer Schrift zu finden und es war anzunehmen, dass
zumindest einige Eigennamen in beiden Texten gleichlautend vorkommen. Dies fordert Bemühungen zur
Entzifferung des mir unbekannten Alphabets geradezu heraus. Als daher Themen zur Gestaltung von
Projekttagen an unserer Schule gesucht wurden, fiel mir dieser Umstand wieder ein. Ich
hatte früher nie die erforderliche Geduld aufgebracht, und so war jetzt eine gute
Gelegenheit.
Leider ist die Zeit - bei uns 2 Tage - reichlich kurz, so
dass man ein wenig zu Oberflächlichkeit gezwungen ist. Ich habe deshalb beim Besuch
verschiedener Judenfriedhöfe schon vorher Fotos von vielen Grabsteininschriften
mitgebracht, die wir dann zur Entzifferung vorliegen hatten. Am ersten Tag fuhren wir mit
dem Zug nach Worms und besuchten - leider bei strömendem Regen - den dortigen sehr
großen und besonders alten jüdischen Friedhof.
Die Zuordnung der Buchstaben des hebräischen
Alphabets zu Buchstaben unserer Schrift geschah in folgenden Stufen:
Zunächst versuchten wir Inschriften zu entdecken, die die
Schriftrichtung zu erschließen gestatteten. Wir wussten zwar, dass die Schrift von rechts
nach links verläuft, wollten dafür aber Belege haben. Leider sind die meisten
Inschriften im "Blocksatz" ausgeführt, der natürlich die Schriftrichtung nicht
erkennen lässt. Es fanden sich aber auch einige Beispiele im "Flattersatz", der
dann rechtsbündig war und so die Schriftrichtung deutlich erkennen ließ.
Dann wurde eine Inventur aller verschiedenen Buchstaben
gemacht, was wegen der großen Ähnlichkeit mancher Buchstaben nicht ganz einfach ist. Es
kamen dazu auch noch verschiedene kalligrafische Varianten von Schriften vor. Was waren
also wirklich und was nur scheinbar verschiedene Buchstaben ?
Danach ging die Arbeit der Zuordnung los. Dabei hofften wir
natürlich, uns ganz besonders auf die Namen stützen zu können. Diese waren ja in
lateinischer Schrift oft durch Größe oder Position in einer eigenen Zeile herausgehoben.
Wir dachten daran, dass die hebräischen Entsprechungen ebenso zu erkennen sein müssten.
Sie erinnern sich vielleicht, dass sich auch Champollion bei seiner Entzifferung zunächst
auf Namen von Pharaonen stützte, die ja in sog. Kartuschen in der hieroglyphischen
Inschrift hervorgehoben sind. Wir erlebten jedoch gerade bei den Namen vielerlei
Enttäuschungen. Trotzdem gab es hin und wieder Beispiele, die funktionierten. Später
erkannten wir dann, dass Juden offenbar neben ihrem bürgerlichen Namen einen hebräischen
Namen führten, der oft als einziger in der hebräischen Inschrift zu lesen war.
Insbesondere Vornamen wie Fritz oder Gerhard fanden sich in der hebräischen Inschrift
natürlich nicht, eher schon Vornamen biblischer Herkunft wie Abraham, Jakob oder David.
Am meisten gaben schließlich die Ortsbezeichnungen her, wenn es sie denn gab, denn
wir gingen davon aus, dass es ja kaum hebräisch-sprachige Entsprechungen für deutsche Städte- oder Dörfernamen
geben würde.
Völlig ins Straucheln gerieten wir aber beim Versuch,
Geburts- und Sterbedatum im hebräischen Text zu finden. Schließlich fanden wir aber
Zugang über die Jahreszahlen. Eine Vorkenntnis, die ich mitbrachte, half dabei : Ich
glaubte zu wissen, dass im Althebräischen auch Ziffern durch Buchstaben ausgedrückt
werden, dass also Buchstaben auch Ziffernwerte zukommen. Ich glaubte weiter zu wissen,
dass der erste Buchstabe auch den Zahlenwert 1 repräsentiert, usw. Aus einem Buch hatte
ich auch die Kenntnis, dass die jüdischen Jahreszahlen viel größer sind als es unserer
Zeitrechnung entspricht. Es hieß, dass zu unserer Jahreszahl 3761 zu addieren sei, um die
jüdische Jahreszahl zu erhalten. So versuchten wir die Jahreszahl 1852 umzurechnen : Das
musste dann 5613 ergeben: Jetzt noch die Schriftrichtung bei Zahlen - verläuft sie auch
von rechts nach links ? Aus dem Arabischen war mir bekannt, dass dort die Reihenfolge der
Ziffern bei mehrziffrigen Zahlen andersherum läuft als die Schriftrichtung .... usw.
Wir fanden uns dann langsam immer besser zurecht. Dabei
fiel uns allerdings auch noch auf, dass die 5 für die Tausender weggelassen wurde.
Ein weiteres Problem war, dass bei manchen Jahreszahlen die Übereinstimmung mit der
gregorianischen Jahreszahl um 1 Jahr daneben lag. Später erfuhr ich dann erst, dass der
Jahreswechsel des jüdischen Kalenderjahres nicht in unserem Monat Januar sondern - und
das auch noch wechselnd - manchmal in den September oder Oktober fällt. Liegt der
Todestag - und der Geburtstag erschien nach unserer Erkenntnis im hebräischen Text nie -
vor oder nach dem jüdischen Jahreswechsel, so kommt es zu dieser gelegentlichen
Verschiebung um ein Jahr gegenüber dem um 3761 erhöhten Wert der christlichen
Jahreszahl, also war in diesen Fällen dann zur christlichen Jahreszahl nur 3760 zu
addieren.
Der Lohn dieser Bemühungen lag dann nach vielerlei
Enttäuschung darin, dass es uns jetzt über diese Zahlenwerte der Buchstaben gelang, auch
die Reihenfolge der hebräischen Buchstaben im Alphabet zu erschließen. So entdeckten wir
dann auch, ob und wo bei unserer Entzifferung uns noch Buchstaben entgangen waren.
Insgesamt machte diese Puzzle-Arbeit wirklich viel Freude - ich glaube auch den
mitwirkenden Schülern.
Inzwischen weiß ich - übrigens aus Recherchen im Internet
- wie kompliziert die Umrechnung vom jüdischen in den Gregorianischen Kalender und
umgekehrt ist. Es gibt dazu auch schon Programme, die diese Aufgabe elegant
bewerkstelligen. Auch ohne Programm, interaktiv auf einem entsprechenden Formular im Internet kann man
sich eine Umrechnung dort machen lassen. So weiß ich jetzt, dass ich am 7. Tevet 5698
geboren bin. Also mal los - ich erwarte Ihre Geburtstagsgrüße !
Eine Anregung zum Schluss: Vielleicht lassen sich analoge
Versuche zur Entzifferung weiterer Buchstabenschriften (sicher aber nicht Wortschriften
wie Chinesisch oder Japanisch !) auch im Internet unternehmen. Man könnte es vielleicht
mit Sprachen wie Arabisch, Amharisch, Armenisch, Georgisch oder auch Schriften aus dem
indischen Sprachraum probieren. Passende Textstellen lassen sich vielleicht als
Bitmaps finden mit eingestreuten Wiederholungen von Namen in lateinischer
Schrift.
Falls Sie fündig werden, würde ich Sie um eine Nachricht bitten. Viel Vergnügen beim
Suchen und vor allem dem anschließenden Puzzle !
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Die letzte Berichtigung erfolgte am 08.01.2002

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